Nach gut drei Jahren Abwesenheit habe ich mal wieder den siebtgrößten Staat der Erde besucht und war jetzt wie beim ersten Besuch damals auch schon nur so mittel begeistert. Egal, vielleicht bleibe ich diesmal für länger, denn - hey - der Staatsgründer und Präsident hat sich gerade für sein Missmanagement entschuldigt. Wo gibts das schon?
Prince wird schon wissen, warum er sich in Interviews stets rar gemacht hat - vielleicht aus der Erkenntnis heraus, dass man auch als Superstar halt doch keine Klugsprech-Taste hat. Und dummes Zeug von dummen Menschen immer dumm klingt. Wer das Interview lesen möchte, staune hier, was Goldstaub in der Nase alles anrichten kann.
Wer lieber dem definitiven Keyboard-Riff der 90er-Jahre lauschen möchte, staune hier:
Als Nachgang zum Uni Sommerfestival muss ich grad mal Songs von Marteria herunterladen und stoße dabei auf ein großartiges Feature von musicload.de, die eine Übersicht der aktuellen WM-Songs des Schreckens vorstellen.
Hier gehts zum Artikel. Begib Dich selbst in nie gekannte Abgründe des Menschseins und wähle selbst Deinen Favoriten - ich hätte diesen ganzen Abschaum nicht mal für möglich gehalten...
Und jetzt gehen wir mal grad die Aussies weghauen, schalalalala!
Nun denn, die im vorherigen Eintrag angekündigte Veranstaltung nimmt also ihren Lauf und das ist auch alles gar nicht so schlimm, was aber vermutlich eher mit den zwei Campari, der Flasche Rotwein, den zwei Birnenschnäpsen und dem Whisky-Tasting zu tun hat.
Seit gefühlten Monaten erscheint in der Bunten, der Gala, der Frau im Spiegel, der BILD und allen anderen nicht-journalistischen Presseerzeugnissen quasi täglich die "Berichterstattung" vom bevorstehenden Eurovision Song Contest. Das ist nicht schlimm - dafür gibt es diese Sammelbecken des Banalen ja. Aber dass die von mir gelesene Presse gleichermaßen hymnisch diese Lena Unbedeutend-Dingenskirchen in den Himmel hebt, das nervt mich doch gewaltig.
Um morgen Abend den Mit-Anwesenden nicht mit meiner unbedarften Einzelmeinung auf den Keks zu gehen, vorab einmal an dieser Stelle: Ich finde dieses Lena-Lied fürchterlich, und die Lena auch.
Und wenn schon ESC, dann bitte Grand Prix und dann auch gleich richtig:
Es waren die Achtziger at its worst, ich war 12 und das Video hatte wirklich alles zu bieten, was schlimm war: Föhnfrisuren und Dauerwellen, weiße Anzüge und Pastell-Oberteile, Wallawalla-Hemdchen und Schulterpolster, Leggins und Überbreite-Gürtel, Umhänge-Keyboards und elektrische Drums, Schnäuzer und Armkettchen... die Liste der visuellen Umweltverschmutzung scheint endlos. Und seien wir ehrlich: Text und Musik stehen der Optik in nichts nach.
Wir haben Wind völlig zu Recht verachtet und hörten lieber Unforgettable Fire und Brothers in Arms. Noch ein Vierteljahrhundert später schaffen es das erste Riff und die erste Textzeile von Pride wie an jedem Tag, den Glauben an die Macht der Rockmusik zu erneuern.
Das Samstag-Abend-Problem werde ich dann einfach durch forciertes Betrinken lösen :-)
..., und das ist in aller Regel nicht so gut, denn dann laufen die Menschen in zu kurzen Röcken und zu originellen T-Shirts rum. Wer nicht versteht, dass anständige Oberbekleidungsstücke Kragen haben, trägt halt auch gerne seine unbedeutende Meinung vor sich her.
T-Shirt: Common, cheap, easy to wear item of clothing that doubles as a dangerous karmic loophole for people who want to share their misguided views with the world, but lack the courage to get a tattoo.
Das hier kannte ich bislang nur als problemorientierten, cheesigen Mist (ja, richtig, Kurt und Rachel, ihr zwei seid gemeint), aber DAS hier haut mir das Cortisol durch die Poren. Go, Kerry, awesome...
Seit geschlagenen Stunden korrigiere ich Klausuren und muss feststellen, wie mir der gute Wille zwischen den Fingern zerrinnt.
Ich hatte einen Schüler des Kurses aufgefordert, seine wirklich hervorragende Einleitung zur Klausur für alle zu verschriftlichen und rumzuschicken, auf dass die Eleven das fleißig auswendig lernen und sich fein Punkte dafür abholen. Leider war mir nicht klar, dass besagter Schüler zwar gut im Unterricht ist (yeah!), aber eher mittelmäßig in deutscher Rechtschreibung (booh!). Und so lese ich seit Stunden bei ungezählten Schülern dieselbe Einführung mit denselben Fehlern in demselben Sprachduktus. Und streiche immer wieder denselben Mist an und kann die ersten zweihundert Wörter inzwischen frei mitsprechen. Merkt das denn wirklich niemand, dass er da totalen Quark abschreibt? Aber immerhin freut es mich, dass ich offensichtlich Schüler habe, die tatsächlich tun, was man ihnen sagt und die lernen, was man von ihnen verlangt. Und inhaltlich ist das ja schon auch super... :-)
Ich rette mich emotional mit einem Verweis auf die Verhältnismäßigkeit der Bepunktung und erwarte morgen Nachmittag den nächsten Stapel...
Ich stehe gerade in meiner Bäckerei am Tresen und muss wieder einmal etwas lesen von "Guter alter Zeit". Wer hier öfters zu Gast ist, kennt meine Abneigung gegen die guten alten Zeiten (z.B. hier oder hier).
Dieses Mal wirbt die Lobbyistengruppe"Initiative Urgetreide" für den Kauf von Backwerk aus, nun ja, eben Urgetreide (Dinkel, Einkorn, Emmer u.a.). Denn dieses Backwerk schmeckt nach Selbstauskunft dieser Initiative wie "in der guten alten Zeit".
Da habe ich dann gleich mal recherchiert, an welche Zeit die PR-Spinner dieser Initiative dabei gedacht haben - und stelle fasziniert fest, dass man die Zeit von vor 7000 bis 10.000 Jahren als gute alte Zeit bezeichnet. Ja, richtig, die Jungsteinzeit, das Neolithikum ist die gute alte Zeit. Wer hätte das für möglich gehalten. Eine Zeit ohne Strom, Gas, fließendes Wasser, Heizung, Tupperware, Buko Meerrettich Frischkäse und ÖPNV ist die gute alte Zeit, zu der man also dringend zurück will.
Vielleicht sollte ich mir mal etwas von diesem Urgetreide fein malen und in die Nase blasen - das könnte meine Freizeitausgaben massiv senken UND mir eine gute Zeit bescheren...
Nach all der Aufregung und dem üblichen Wahnsinn hinter den Kulissen naht endlich das finale Wochenende.
Am Freitag Nachmittag gabs Schwert und Säbel. Abends dann das große Geburtstagsdinner. Samstag Nachmittag dann das Baojian. Abends dann das Abschiedsdinner.
Lief gut, bin glücklich, gut, dass es vorbei ist. Der Alte Mann hat sich sehr gefreut, da habe ich mich dann auch gefreut.
Nachdem die am wenigsten wissenshungrigen Menschen meines Universums wieder abgereist sind, widme ich mich der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung.
Gerade hat sich ein beliebtes und bereits mehrfach erlebtes Schauspiel ereignet. "Oh, Uli, did I already tell you that there will be a new music for the performance?" Nein, das habt ihr natürlich nicht erzählt und so verbringe ich die zweite Woche damit, mein Bewegungstiming auf die neue Musik abzustimmen. Ich probiere eine ungewöhnliche Trainingsmethode und knalle ausschließlich Formen auf Wettkampfniveau runter - was vor allem den Vorteil hat, dass schon nach einer Stunde Training pro Tag mein Trainingstag gelaufen ist, weil ich einfach nicht mehr kann. So kann ich mir immerhin anschauen, was sonst noch so los ist - und ich möchte fortwährend erblassen: ALLE sind hier und ALLE trainieren wie besessen und wirken hervorragend vorbereitet - bin ich der Einzige, dem die drei Trainingsmonate fehlen? Es scheint so...
Nachdem die Wettkämpfe 2010 aus gegebenem Anlass etwas spontan von August in den April April vorverlegt wurden und mir drei Monate Trainingszeit fehlen, hatte ich insgeheim auf zwei Dinge gehofft: Erstens, dass ich, bedingt durch meine frühe Anreise, Zeit zum Training mit dem Alten Mann und seinen Vasallen habe, und zweitens, dass manche meiner "Angstgegner" einfach nicht können, weil sie von der Verlegung genauso überrascht sind, wie ich.
Wie man sich täuschen kann.
Im Zentrum ist die Hölle los: Noch nie sah ich alle Mitarbeiter so arbeitsam, noch nie waren alle diese Menschen so wenig zu sprechen und noch nie war das alles so voll hier.
Ach ja: Und es waren wirklich ALLE da, die was können. Alle Länder hatten ihre guten Leute ins Rennen geschickt und meine Hoffnungen zerstoben im Aprilwind, als ich die Besetzungsliste sah.
Und so habe ich denn die ersten Tage damit verbracht, mich irgendwie in diese vielen Trainingsgruppen einzufügen und irgendwie Trainingszeit abzugreifen - ein insgesamt hoffnungsloses Unterfangen.
Für den zweiten Teil der ersten Woche hatten sich dann Mitglieder der Taekwondo-Nationalmannschaft bei mir eingeladen und wir haben das getan, was alle guten Touristen tun. Fotos folgen demnächst. Sagen wir mal: Ich habe in diesen Tagen viel gelernt... :-)
Wie mache ich das bloß? Immer zur falschen Zeit am richtigen Ort.
Nach meiner mittäglichen Ankunft in Peking und dem Check-in im Hotel schlendere ich so über den Campus und begegne gleich dem Alten Mann. "Oh, Uli, Du bist schon hier? Dann kannst Du gleich mit zum Training kommen."
Der eine oder andere mag sich an eine Variante dieses Satzes noch erinnern: Ich schrieb sie im letzten Jahr an gleicher Stelle - eigentlich schreibe ich sie jedes Jahr an gleicher Stelle. Nur, dass ich dieses Mal förmlich gleich mitgezerrt werde in die Trainingshalle und ohne meinen Fummel gleich mit ranmuss. Sonst hatte ich immerhin Schonzeit bis zum Nachmittag. Und so ereignet sich der erste Tag wieder einmal zusammen mit irgendwelchen Trainingsheißkisten aus Irgendwo...
In diesem Jahr erlaube ich mir etwas Besonderes: Nachdem ich all die Jahre in abgeranzten Studentenwohnheimen verbracht habe, wohne ich nun in der Präsidenten-Suite des für die Olympischen Spiele neu erbauten Hotels auf dem Campus der Sportuniversität. Der neue General Manager ist einer meiner ältesten Bekannten in Peking und er hat mir einen Sonderpreis gemacht, den ich nicht ablehnen konnte. Und so logiere ich in 3ZK2B. Das Mobiliar ist aus Rosenholz und überall cremefarbene Lederintarsien. Nicht zu vergessen die beiden 42-Zoll-Plasmas. Und die Boden-Decken-Verglasung des Master-Bathrooms und die Tropendusche und - na egal. Macht halt Spaß...
Dieses nicht unbedeutende Wohnfeature hilft meiner Regeneration dann doch deutlich auf die Sprünge, und das ist auch notwendig...
Nachdem mit dem heutigen Abend der aktuelle Klausurwahnsinn vorbei ist, möchte ich noch ein paar kleine Geschichten aus Peking beitragen - ich freue mich über euer Interesse und bitte, die Verspätung zu entschuldigen.
Ich fange mal ganz vorne an:
Aufgrund eines unschlagbaren Angebotes fliege ich mal wieder mit Aeroflot über Moskau nach Peking, das mache ich gerne, denn ich schätze die Fluglinie Aeroflot und ich mag Moskau. Gleichwohl ich das mit Moskau noch einmal überdenken werde, zumindest, was den Flughafen angeht:
Wir landen irgendwo in einem völlig verlassenen Nebenterminal von Scheremetjewo, gehen zu Fuß über irgendwelche Landebahnen und enden in einer eingerüsteten Halle. Dort werde ich zusammen mit rund einem Dutzend anderer Transitpassagiere aufgerufen und von zwei ehemaligen Miss Hannoveranern in eine verlassene Wartehalle gebracht. Dort werden unsere Reisedokumente geprüft und mit einer handgeschriebenen Liste verglichen. Ich staune: Während mein Ticket und die gesamte Abwicklung elektronisch ausgestellt und gemanaged wurde, in Zeiten, wo mein Passbild und mein Visum auf Bildschirmen auftauchen, wenn ich durch die Personenscanner trete und gleichwohl ich eine internationale Iris-Registrierung habe, mit der ich auf allen großen Flughäfen des Planeten die Diplomaten-/Cooletypen-/Möchtegernheini-Fastlane benutzen darf, stehen mein Name und alle meine Reisedetails mit Kuli geschrieben auf einer ranzigen Papierliste, die in einem speckigen Klemmbrett steckt und von Miss Hannover gehalten wird. Was sagt uns das über die Chancen des internationalen Terrors? Die Antwort folgt in wenigen Minuten...
Wir aussortierten Transitreisenden werden mit einem Shuttle zum Hauptterminal gebracht, wo wir die Zeit bis zu unserem Weiterflug verbringen. Ich schlendere durch die Duty Free-Hallen und da ich vom immergleichen Angebotsmix gelangweilt bin, gehe ich mal die Treppen hoch, weil mich diese "authorizes personnel only"-Schilder reizen. Die Treppe führt zum Sicherheitskontrollzentrum der Abfertigungshalle und eine größere Gruppe verdutzter Uniformträger starrt mich an. Und ich starre zurück, denn in der einen Hand haben diese Menschen, die meine Sicherheit vor dem internationalen Terrorismus garantieren sollen ihre Maschinenpistole und in der anderen Hand eine Flasche Wodka. Jeder. Alle. Gut zu wissen, dass wirklich alle Diensthabenden betrunken sind, das schafft dann vermutlich so etwas, wie Chancengleichheit.
Das denken sich auch sämtliche russischen Mitfliegenden später in der Transitmaschine, denn wirklich alle haben sich im Duty Free mit Sprit eingedeckt und knallen sich während des Bordkinos schön das Gehirn weg. (Ist eigentlich schon mal jemandem außer mir aufgefallen, dass wirklich alle Russen im entsprechenden Alter aussehen, wie Vladimir Putin - hohe Stirn, trüber Blick und unförmiger Körperbau?) Im Notfall könnte die Maschine wahrscheinlich mit dem ganzen Extrasprit an Bord noch nach Wladiwostok ausweichen... Ich lerne: When in rome - do as the romans do. Und so kommt es dann auch. (Wer zu jung ist, diese Anspielung zu verstehen, der schaue hier - oder frage Jesus...)
Wenige Stunden später lande ich in Peking: Dieses routiniert-gelangweilte Massending können die Chinesen ja, wie sonst nur die Nordkoreaner. Ich komme also zügig zur Sportuniversität und checke ein...
... aber das ist unmöglich, denn seit Stunden lausche ich Gott selbst bei der Arbeit. Durch einen Zufall begegne ich wieder einigen alten Konzertwerken der späten Renaissance und des frühen Barock, die wir mal aufgeführt haben und die ich immer eher so mittel fand und dann höre ich DIES. Und kann es nicht mehr abstellen - es frisst sich direkt ins Herz wie Säure in den Lack und erschüttert mich und saugt mich unaufhaltsam in den Strom.
Wer sich für eine naturwissenschaftlich-rationale Erklärung interessiert, warum Spem in alium die erschütternsten zehn Minuten meiner Woche sind, schaut halt hier oder hier oder hier. Aber wozu sollte das gut sein...
In Peking ist leider so viel los, dass ich nicht dazu komme, etwas zu erzählen. Ich bitte um Entschuldigung und werde so schnell wie möglich nachliefern.
Gerade stehe ich mit einer meiner Klassen im Selbstlernzentrum unserer Schule. Mein Blick fällt auf den ganz neu installierten "Luftgüteprüfer" mitten im Raum, der - nach Auskunft des daneben hängenden Plakates - immer dann anschlägt, wenn die Luft im Raum zu schlecht wird. Im Falle eines Alarmes bittet die Selez-Leitung dann darum, die Oberlichter zu öffnen.
Ich erspare mir mal die Bewertung eines solchen Gerätes - kann mich aber noch gut daran erinnern, dass man damals ("in der guten alten Zeit") einfach nach eigenem Ermessen das Fenster geöffnet hat, wenn die Luft schlecht war. Mir war nicht klar, dass man dafür heute ein technisches Gerät braucht.
Aber dieser Nonsense weckt natürlich das Kind in mir und ich hauche mal aus Spaß in den Sensor. Drei Sekunden später schrillt ein dauerhafter Alarm ohrenbetäubend durch den Raum. Alles schaut mich an und ich überlege, wie ich DAS jetzt erkläre... Wo ist bloß der Abstellknopf? Ich erröte...
... stehen hinter mir zwei jugendliche HipHoper mit allen standesgemäßen Ausrüstungsgegenständen: BaseCaps in albernen Positionen, Hoodies, die selbst mir zu groß wären, Hosen auf halb acht, diese breiten Schuhe mit ohne zugemachte Schnürsenkel - die Standarduniform aller jungen Nonkonformisten halt. Aus den Kopfhörern dröhnt irgendwas, was den Ohrenärzten der zukünftigen Dekaden ein Leben in Luxus bescheren wird - grenzdebiles Kaugummikauen lässt mich einen Blick auf den mitgebrachten Jutebeutel werfen. Was legen diese beiden Protagonisten des Gegenentwurfes auf das Laufband der Kasse? Was ist der einzige Gegenstand, den sie gerade erwerben? Was brauchen Sie im Moment dringlicher, als das, was der geneigte Leser vermutet?
Das Vorgänger-Video hierzu mit den Winteraktivitäten hatte ich schon mal verlinkt, das ist der neueste Streich aus dem Sommer. OK, Basejumping und Wingsuits kennt man, aber das ist mit Abstand das Krasseste, was ich je gesehen habe. Langfristige Mortalitätsuntersuchungen stehen noch aus...
..., zumindest jedoch als befremdlich, wenn sich Menschen zum Jahreswechsel Liebe, Frieden, Segen und Freude wünschen. Denn ich wünsche mir das jeden Tag. Und ich wünsche es auch anderen jeden Tag.
Die große Geste des Jahreswechsels oder noch besser, des anstehenden Dekadenwechsels, ist mir leeres Getöse, das vor allem erlaubt, im Alltag, da, wo sich jeden Tag das Leben entscheidet, eben NICHT nach den Kriterien von Liebe, Frieden, Segen und Freude handeln zu müssen.
Und hier noch ein Dekadenrückblick der besonderen Art: Die 20 besten Gadgeds des Jahrzehnts. Ist das jetzt freaky, cool, nerdig oder besorgniserregend, dass ich 19 davon besessen habe?
Der Unterricht begann so langsam, anstrengend zu werden:
Ich stehe heute also vor meiner Klasse und möchte den Umbau der Tische von einer U-Form in eine Gruppentisch-Insel-Form einleiten. Und spreche also folgendermaßen zu meinen Eleven:
"Sie sehen hier 25 Einzeltische und die entsprechende Anzahl Stühle. Bitte bilden Sie aus diesen 25 Tischen 7 Inseln mit ungefähr gleicher Tisch-Anzahl und verteilen Sie sich bitte ungefähr gleichmäßig an die Inseln."
Vier Minuten später habe ich einen Raum mit 8 Inseln, von denen 3 unbesetzt sind. Ich erkläre also noch einmal, was ich möchte: 7 Inseln, und alle mit einer ungefähr gleichen Anzahl von Personen besetzt.
Drei Minuten und viel Geräume später habe ich: 8 Inseln, davon 3 unbesetzt. Nur halt alles an einer anderen Stelle.
Ich erblasse leicht und erkläre noch einmal, was ich möchte (ihr wisst schon).
Minuten später habe ich 6 Inseln, von denen 2 unbesetzt sind.
Ich überlege, ob ich in der letzten Stunde vor Weihnachten noch mal ausfallend werden soll, oder ob mir das jetzt gerade keinen Spaß macht. Ich entscheide mich für die Variante "Frieden auf Erden" und erkläre noch einmal, was ich möchte: 7 Inseln und alle mit der ungefähr gleichen... ach, ersparen wir uns die Details.
Im nächsten Versuch klappt es dann, wenn auch mit viel Diskutieren und Hin und Her. Jetzt ist also Weihnachten - peace out!
Ich leiste mir zu Weihnachten ja diesen neuen iPhone-Nachfolger: Hübscheres Design, bessere Funktionen und ganz wichtig, Abwärtskompatibilität zu meiner bisherigen Technikausstattung aufgrund von Flashback Technologie. Wenn ich die Datasette wiederfinde, könnte ich wieder die Winter Games spielen...
Gerade traf ich mich mit einigen ehemaligen Schülern auf einen vorweihnachtlichen Kaffee. Das war interessant, denn die Menschen, die ich nur als Schüler kannte, sind jetzt Berufstätige, Studenten und Azubis. Mit innerem Lächeln höre ich Geschichten von ersten Erfolgen und vom Scheitern, von Begeisterung und erster Desillusionierung, von großer Freude und beginnender Alltagsroutine.
Am meisten berührt hat mich, als ein Schüler erzählte, wie er gerade im Begriff sei, zu Hause auszuziehen und seine erste eigene Wohnung einzurichten: er sagte, die Wohnung sei klein und preiswert, und es fehle an allen Ecken und Enden an der Ausstattung - aber es sei SEINE Wohnung. Und da musste ich an das Gefühl denken, wie es war, vor 16 Jahren die ersten Tage in meiner eigenen ersten Wohnung zu verbringen. Eine Bude, die man auf dem heutigen Studentenmarkt keinem mehr anbieten könnte: Meine "Küche" bestand aus einem Kühlschrank mit einem Zweiplattenkochfeld darauf im Waschkeller des Vermieters. Gespült wurde im Bad, das seit Jahrzehnten keine Renovierung mehr gesehen hatte. Eine Eigenschaft, die es mit dem einzigen Zimmer und seiner Einrichtung weitgehend teilte. In der Wohnung gab es kein Telefon (Hinweis für alle Leser unter 25: Nein, damals gab es noch keine Handys, das Internet hieß BTX und hatte einen maxSpeed von 14,4 K.). Immer, wenn ich jemanden anrufen wollte, ging ich also mit meiner Telefonkarte oder ein paar Münzen zur Telefonzelle um die Ecke. Angerufen werden ging nicht, es sei denn, man verabredete sich, dass man die Nummer der Zelle (das gabs echt) zu genau dieser Zeit anrufen ließ...
Der Tag, an dem ich erwachsen wurde begann damit, dass ich spät dran war, weil das Aufstehen mit Wecker noch nicht klappte - zu Hause hatte ich nie einen Wecker besessen, das hatten meine Eltern übernommen. Ich hatte mir also einen strebsamen Kassetten-Multifunktions-Wecker gekauft und diesen zum Wecken fatalerweise mit meinem Lieblingstape bestückt. Was ich abends vorher noch für eine clevere Idee gehalten hatte, entpuppte sich im Morgengrauen als dumm: Der Wecker spielte zur vereinbarten Zeit das Tape ab, was mir erwartungsgemäß gut gefiel, worauf ich mich entspannt zurücklehnte, um das Lied noch zu genießen - und prompt wieder einschlief und meinen Bus verpasste.
Der Morgen gestaltete sich also hektisch. Als ich nachmittags "nach Hause" zurückkehrte, wunderte ich mich, dass die Jalousien noch heruntergelassen waren. Mitten am Nachmittag? Achja, ich hatte sie morgens in der Hektik nicht hochgezogen. Also waren sie noch unten. Mir fiel zum ersten Mal nach all den Jahren auf, dass das zu Hause anders gewesen war. Mir war tatsächlich nie bewusst aufgefallen, dass ich die Jalousien zu Hause morgens auch unten gelassen hatte, sie aber immer oben waren, wenn ich nach Hause kam. Hier waren sie also unten. Ebenso lagen die Müslischale und das schmutzige Besteck noch im Waschbecken. Richtig, meine Frühstücksreste. Hatte auch niemand weggeräumt. Wenn Erwachsen werden bedeutet, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen, dann war das wahrscheinlich das Erwachen...
Gut ein Jahr später erkrankte mein Vermieter schwer und ich musste ausziehen. Den Umzug bewältigten wir in weniger als zwei Stunden mit meinem 13 Jahre alten Golf 2 und es begannen die besten Jahren meiner Studien- und WG-Zeit. Mein letzter Umzug von Berlin nach Paderborn und dann in meine aktuelle Wohnung, 16 Jahre und 8 Umzüge später, dauerte knapp zwei Tage und involvierte einen 7,5-Tonner und zwei PKWs und ein Speditionsunternehmen. Ich transportierte eine Haus-Vollausstattung und 70 Bücherkisten. Und schaue jeden Tag mit einem Lächeln auf das Regal, dessen Boden Christine falsch eingeschraubt hat.
Heute Nachmittag spüre ich, wie sehr mich mein Besitz bindet und welche Leichtigkeit dem Jahr 1993 innewohnte. Und das ich nie wieder dorthin zurück will.
Nachtrag 6. Januar 2010: Und gerade kommt mir wieder in den Sinn, warum wir alle nicht wieder in unsere Wohnungen zurück wollen: Ich sehe gerade vor meinem geistigen Auge die Wiederauferstehung von Davids Kellerloch, Ulis Dusche in der Küche, Tanjas Kohleofen und Christines Küchenfußboden. But hellyeah - wir blieben so lange auf, wie wir wollten und aßen Nutella mit Löffeln aus dem Glas. Rockin'!
Am Ende eines Wochenendes, das Kopf und Magen ein wenig geschadet hat (dieser viele Zitronensaft war nicht gut für mich), denke ich mir kurz vor der Ankunft in Paderborn, ich sollte vielleicht etwas Nährstoffreiches und Magenschonendes essen - also mache ich einen Abstecher zum BigMac Menu.
In der Schlange vor mir steht ein Familienvater, von dem ich vermute, dass er eine ganze Fußballmannschaft zu versorgen hat. Es türmen sich die Burger und der ganze andere Mist, bis er schließlich mit vier Tüten die Kasse verlässt. Erstaunlich: Er hat ungefähr vier mal so viele Currysaucenpäckchen bestellt, als zu den McChicken normalerweise gehören. Ich werde neugierig und beschließe, mich an den Nachbartisch zu setzen.
Und da sitzen sie dann: Mann und Frau mit sechs Jungs im Grundschulalter, alle acht sind schwer adipös, grenzdebil, sprachgestört und prekariatsgeschädigt. Und jeder der Jungs isst mehr, als ich es könnte: jeder haut sich da gerade sein Sechser-Chicken, einen BicMac und zwei Cheeseburger rein. Zwischendurch verkloppen die Jungs abwechselnd sich, das Mobiliar oder die Fensterscheibe. Die Fritten und die Cola konnte ich nicht mehr zählen, aber die Auflösung des Curryrätsels wog das dann wieder auf: Jeder der Jungs trank das Zeug einfach so als Nachtisch.
Und gleich noch ein Telefongespräch, das mich ratlos zurücklässt:
Ich denke bereits über Weihnachtsgeschenke nach und möchte bei Amazon in den USA einen Kindle erwerben. Leider storniert Amazon meine Bestellung mit dem Hinweis, dass meine Kreditkarte gesperrt sei. Ich probiere meine andere Kreditkarte - auch gesperrt. Ich bin ratlos. Allerdings könnte das erklären, warum sie im Urlaub vor einigen Tagen nicht funktioniert hat.
Kurz darauf erhalte ich aus Frankfurt einen Brief der Kreditkartensicherheitsabteilung meines Bankhauses mit der Bitte um Rücksprache. Und diese Rücksprache ging dann so:
Sie: Deutsche Bank Frankfurt, Kreditkartensicherheitsabteilung, Schmidt (geändert), guten Tag. Ich: Guten Tag, Rosen, ich habe von Ihnen einen Brief mit der Bitte um Rücksprache zu meinen Kreditkarten erhalten. Darf ich Ihnen da gerade mal meine Kartennummer sagen?
*Es folgt das übliche Sicherheitsabfrageding*
Sie: Ja, hier sehe ich, dass aktuell beide Karten gesperrt sind. Ich: Wie kommt denn das? Sie: Haben Sie in der vergangenen Woche ihre Handyrechnung bezahlt, einen Wagen gemietet und Bücher bei Amazon bestellt? Ich: Ja.
Sie: Und sind diese Bezahlvorgänge rechtens gewesen. Ich: Ja Sie: Ganz sicher? Ich Ja. Sie: Tja, leider wurde nach diesen drei Transaktionen Ihre Visa-Karte gesperrt. Ich: Warum denn? Sie: Das weiß ich leider auch nicht. Das hat der Computer automatisch gemacht. Ich: Und meine Master-Card? Damit wurde nichts eingekauft. Sie: Die hat der Computer vorsorglich gleich mitgesperrt.
*Klar, denke ich mir, ich habe ja damals auch extra zwei verschiedene Kreditkarten beantragt, damit beide gleichzeitig pauschal gesperrt werden...*
Ich: Was ist denn daran ungewöhnlich, sein Handy, ein paar Bücher und einen Mietwagen mit seiner Kreditkarte zu bezahlen? Das mache ich doch ständig mit dieser Karte. Sie: Das sehe ich in Ihrer Abrechnung auch, aber irgendetwas hat den Computer wohl gestört. Ich: Bei allem Verständnis für Bezahlsicherheit und so ist das für mich natürlich unangenehm, wenn beide Karten ohne Ankündigung oder Rücksprache mit mir von einem Computersystem pauschal gesperrt werden. Ich war mit der Karte in Spanien, konnte Rechnungen nicht bezahlen und musste auf meine EC-Karte ausweichen. Das war nicht so schön. Sie: Das verstehe ich natürlich. Da habe ich einen Vorschlag für Sie: Sie melden sich einfach eine Woche vor einem Auslandsaufenthalt bei uns und teilen uns das mit. Wir tragen das dann in unser System ein und dann können Sie beruhigt fahren. Ich: Ich bin bis zu dreißig mal pro Jahr im Ausland. Sie erwarten von mir, dass ich jedes Mal eine Woche vorher bei Ihnen anrufe? Sie: Ja, genau. Ich: Ich rufe nicht einmal meine Mutter so oft an (*gelogen, aber lag mir halt auf der Zunge*) Sie: Aber... Ich: Und Sie erwarten TATSÄCHLICH von Ihren 12 Millionen Kunden, dass die ALLE vor jeder Auslandsreise bei Ihnen anrufen. Sie: Ja, genau, dann können wir das einfach in unser System eingeben und dann läuft das schon.
*An dieser Stelle überlege ich kurz, ob ich die Begriffe "Hochperformanz" und "Skalierbarkeit" in das Gespräch einwerfe, entscheide mich jedoch für Höflichkeitsgefloskel und wir beenden das Gespräch im gegenseitigen Einvernehmen.*
Ein weiterer Stapel Klausuren ist korrigiert, rund 25.000 Wörter sind gelesen, 63 Seiten Gutachten geschrieben, 84 Noten vergeben.
Und ein Highlight (Grammatik und Satzbau geringfügig verbessert zu Zwecken des Leseflusses): "Der Text besteht zu einem Drittel aus dem Aspekt "Meinung ausdrücken", zu zwei Dritteln aus dem Aspekt "Informieren" - der Rest ist "Appell".
Mein Bruder schenkt mir zum Geburtstag einen Gutscheinen zum Erwerb eines Billy-Regals bei IKEA (Liebe Mallorca-Reisenden, damit ist dann wohl wirklich alles gesagt.)
Witzig ist allerdings der im Begleitbuch abgedruckte Dialog eines vorgeblich unzufriedenen Kunden, der bei der IKEA-Hotline anruft und sich beschwert, dass sein gerade erworbenes Bett namens Billy sich einfach nicht vernünftig zusammenbauen lässt. Der IKEA-Mitarbeiter zeichnet sich durch Engelsgeduld aus und merkt erst recht spät, dass das Ganze ein Radio-Telefonstreich ist. Humor ist..., aber nunja.
Heute ruft mich ein Herr an, der etwas bestellen möchte - was mal wieder zeigt, dass die Realität so erschreckend ist, dass sie nicht von Drehbuchautoren überboten werden kann.
Ich: Ulrich Rosen, guten Tag. Er: Guten Tag, mein Name ist Schmidt (geändert), ich möchte gerne das Video zu der Pekingform bestellen (eine Taijiquan-Form). Aber ich möchte bitte nicht die DVD, sondern das VHS-Video. Ich: Tut mir Leid, wir führen leider nur noch digitale Medien und haben keine Video-Kassetten mehr im Sortiment. Er: Nein, nein, ich will ja auch keine Video-Kassette, sondern die für das CD-ROM-Laufwerk meines Computers. Ich: VHS ist ein Videostandard für Video-Kassetten, nicht für CD-ROMs. Sind Sie sicher, dass Sie das richtige Medium meinen? Er: Absolut. Meine Lehrerin hat extra gesagt, ich solle nicht die DVD bestellen, sondern die VHS, die würde in jedem CD-ROM-Laufwerk laufen. Ich: Vielleicht möchten Sie noch einmal Rücksprache mit Ihrer Lehrerin halten, denn VHS bezieht sich wirklich nur auf diese Kassetten, die Sie von früher kennen. Er: Nein, auf keinen Fall. Sie hat mir selbst gezeigt, dass Sie diese VHS bei Ihnen gekauft hat und hat mir versichert, dass die auch in jedem CD-ROM-Laufwerk läuft. Ich: Das kann leider nicht sein, denn... (Ich erläutere an dieser Stelle umfänglich die technischen Unterschiede, was zu keinerlei Einsicht führt). Er: Also so etwas habe ich wirklich noch nie erlebt! Ich will doch wirklich nur diese VHS für mein CD-ROM-Laufwerk kaufen
*mein Amoklauf steht an dieser Stelle kurz bevor*
Ich folge einem spontanen Geistesblitz: Sind Sie ganz sicher, dass Sie von einer VHS reden oder meinen Sie vielleicht eine VCD, die kleinere Schwester der DVD?
*sein langes Zögern verrät mir, dass er das gemeint hat und jetzt nach einer Möglichkeit sucht, nicht als Idiot dazustehen*
Ich überbrücke die Peinlichkeit mit Freundlichkeit und erkläre dann auch noch einmal die Vorzüge der VCD im Gegensatz zur DVD. Es kommt zum Kauf.
Jedes Jahr, wenn meine chinesischen Gäste da sind, habe ich gefühlt einen Freischuss, dummes Zeug zu labern.
Vor zwei Jahren schrieb ich ja schon mal über das Buffet-Debakel - auch heute sitzen wir wieder im Restaurant:
Wir essen die beste Gänsekeule meines Lebens im Alten Zollhaus und der Chef fragt, was das denn oben rechts auf seinemTeller sei. Puh, denke ich, Glück gehabt, das kann ich auf chinesisch. Und so erkläre ich munter, dass es sich um einen Pigu handelt, einen Apfel halt, der ja nun auch mehr oder minder typisch zum Gänseessen ist. Nach peinlicher Stille und mehreren Anläufen fällt mir wieder ein, dass Apfel eigentlich Pingguo heißt - klingt doch eh alles gleich... :-)
Oder auch nicht - wer mag, kann ja mal recherchieren und Leo fragen...
OK, die Arbeit schafft mich gerade ein kleines bischen - und ja, ich erlebe quasi nichts Berichtenswertes - und in der Tat finde ich das eher so mittel...
Wenn also schon mein Leben nichts zu diesem Blog beizutragen hat, dann kann ich ja wenigstens kurz noch erwähnen, was ich selbst gerne so lese :-)
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Und zur Feier des heutigen Tages gibts dann auch mal ein klares WIN: